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Lesen und SchreibenEltern und Lehrkräfte6–11 Jahre

Leseverständnis fördern: Lesestrategien für Kinder von 6 bis 11 Jahren

Vorhersagen, Fragen stellen, Nacherzählen und Schlussfolgern – für Eltern von 6- bis 11-Jährigen erklärt, mit Fragestartern und Hilfe ohne Abfragen.

Crayonbird-Redaktion10 Min. Lesezeit
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Ein Kind kann eine Seite fehlerfrei vorlesen und Sie dann völlig ratlos ansehen, wenn Sie fragen, was passiert ist. Das ist keine Faulheit und auch nicht selten: Wörter lesen und sie verstehen sind zwei verschiedene Aufgaben. Hier finden Sie die vier Strategien, die bei 6- bis 11-Jährigen den größten Unterschied machen, die passenden Fragen und Wege, sie zu Hause einzusetzen, ohne die Gute-Nacht-Geschichte in eine Prüfung zu verwandeln.

Warum flüssige Leser trotzdem den Sinn verpassen

Solange ein Kind noch hart am Entziffern arbeitet, fließt fast seine ganze Aufmerksamkeit in die Buchstaben. Für das Merken, wer die Figuren sind oder warum der Hund weggelaufen ist, bleibt kaum etwas übrig. Wird das Entziffern automatisch, wird diese Aufmerksamkeit frei – aber Kinder wissen nicht von selbst, was sie damit anfangen sollen. Gute Leserinnen und Leser tun still mehrere Dinge gleichzeitig: Sie raten, was als Nächstes kommt, merken, wenn etwas keinen Sinn ergibt, stellen sich die Szene vor und verknüpfen sie mit dem, was sie schon wissen.

Diese Gewohnheiten lassen sich lernen. Die Zusammenfassung der Forschung durch die Education Endowment Foundation (auf Englisch) stuft das gezielte Vermitteln von Lesestrategien als eine der wirksameren und zugleich günstigen Maßnahmen für Schulen ein, mit einer vernünftigen Bedingung: Der Text soll fordern, aber nicht überfordern.

Diese Bedingung gilt auch zu Hause. Stolpert Ihr Kind über jedes dritte Wort, üben Sie die Strategien mit einem Buch, das Sie vorlesen, und lassen Sie es allein nur leichte Bücher lesen, die Spaß machen. Zwei weitere Dinge liegen unter dem Leseverständnis und lohnen sich jederzeit:

  • Wortschatz. Ein Kind, das nicht weiß, was widerwillig bedeutet, verliert den Faden eines Satzes, der sich darum dreht.
  • Hintergrundwissen. Eine Geschichte auf einem Fischkutter ist leichter, wenn man schon einmal einen gesehen, darüber gesprochen oder davon gelesen hat.
Illustration: Eine ruhige Ecke und ein selbst ausgesuchtes Buch: der beste Rahmen, um jede Strategie zu üben.
Eine ruhige Ecke und ein selbst ausgesuchtes Buch: der beste Rahmen, um jede Strategie zu üben.

Strategie 1: Vorhersagen

Vorhersagen hält Lesende bei der Stange. Außerdem gibt es ihnen etwas zu überprüfen – und damit beginnt das Überwachen des eigenen Verstehens.

Vor dem Lesen schauen Sie sich dreißig Sekunden lang gemeinsam Cover und Titel an. Dann machen Sie es einmal laut vor:

„Das Buch heißt Der verlorene Drachen, und ein Mädchen schaut in einen Baum hinauf. Ich glaube, der Drachen bleibt hängen, weil sie besorgt aussieht und ihre Hände leer sind.“

Dann übergeben Sie: „Was denkst du? Wie kommst du darauf?“ Die zweite Frage ist die wichtige. Eine Vorhersage mit Begründung ist Denken, eine ohne ist Raten.

Während des Lesens halten Sie an einer natürlichen spannenden Stelle an, nicht auf jeder Seite. „Sie öffnet die Tür. Was könnte dahinter sein?“

Nach einer Vorhersage kommen Sie darauf zurück. „Du hast gesagt, der Drachen bleibt hängen. Lagst du nah dran?“ Machen Sie klar, dass gute Leser ihre Meinung ändern. Ein verbreiteter Fehler: Vorhersagen loben, die sich als richtig erweisen, und die anderen stillschweigend übergehen. Das bringt Kindern bei, auf Nummer sicher zu gehen. Loben Sie stattdessen die Begründung: „Das war klug geraten. Die Hinweise haben in diese Richtung gezeigt. Die Autorin hat uns beide reingelegt.“

Bilderbücher eignen sich dafür perfekt, auch für Acht- und Neunjährige, weil die Bilder zusätzliche Hinweise liefern. Probieren Sie Der verlorene Drachen und halten Sie kurz vor den letzten Seiten an.

Strategie 2: Beim Lesen Fragen stellen

Die meisten Kinder glauben, Fragen seien etwas, das Erwachsene ihnen stellen. Ihr Ziel ist, dass Ihr Kind anfängt, eigene Fragen zu stellen. Machen Sie es mit „Ich frage mich“-Sätzen vor:

  • „Ich frage mich, warum er es seiner Mama nicht erzählt hat.“
  • „Ich frage mich, was ein Leuchtturmwärter eigentlich den ganzen Tag macht.“
  • „Ich frage mich, ob die beiden am Ende noch Freunde sind.“

Nach ein paar Wochen mit solchen Sätzen fangen die meisten Kinder an, eigene zu formulieren. Wenn es so weit ist, antworten Sie nicht sofort. „Gute Frage. Mal sehen, ob das Buch es uns verrät.“

Es hilft Kindern auch zu wissen, dass es verschiedene Arten von Fragen gibt, weil die Antworten an verschiedenen Orten stecken. Hier sind Fragestarter, sortiert danach, wo die Antwort zu finden ist. Hängen Sie sie an den Kühlschrank oder nutzen Sie sie als Lesezeichen.

Wo die Antwort steckt Fragestarter Beispiel (eine Geschichte über einen verschwundenen Hund)
Im Text Wer …? Wo hat …? Was passierte, als …? Wo hat Max den Hund zuletzt gesehen?
Zwischen den Zeilen Warum glaubst du …? Wie hat sich … gefühlt? Was verrät uns …? Warum glaubst du, dass Max in dieser Nacht nicht geschlafen hat?
Über den Text hinaus Was hättest du getan? Ist dir so etwas schon einmal passiert? Was würdest du tun, wenn dein Haustier verschwunden wäre?

Sechs- und Siebenjährige beantworten „Im Text“-Fragen meist mühelos. Bei Fragen „zwischen den Zeilen“ passiert ab etwa sieben Jahren die eigentliche Arbeit. Fragen „über den Text hinaus“ sind die warmen, leichten Fragen zum Abschluss, und aus ihnen entstehen oft die besten Gespräche.

Strategie 3: Nacherzählen und Zusammenfassen

Beim Nacherzählen sehen Sie, ob die Geschichte überhaupt angekommen ist. Das Zusammenfassen, das später kommt, zeigt, ob Ihr Kind herausfiltern kann, worauf es ankam.

Für Sechs- und Siebenjährige kann eine Nacherzählung so einfach sein wie: „Erzähl mir, was passiert ist, von Anfang an.“ Die Finger helfen dabei:

  1. Wer kam vor?
  2. Wo war es?
  3. Was war das Problem?
  4. Was ist passiert?
  5. Wie ging es aus?

Für Acht- bis Elfjährige geht es in Richtung einer Zusammenfassung in einem Satz. Bei erzählenden Texten hilft das Muster „Jemand wollte … aber … deshalb … dann …“:

„Max wollte seinen Hund finden, aber es wurde schon dunkel, deshalb folgte er dem Bellen bis zum alten Schuppen, dann fand er die Hündin mit drei Welpen.“

Bei Sachtexten probieren Sie „Auf dieser Seite geht es vor allem um …“ und beschränken sich auf einen Satz. Genau diese Beschränkung ist der Sinn. Kinder erzählen liebend gern jedes Detail nach, und das Weglassen ist eine eigene Fähigkeit.

Strategie 4: Schlussfolgern, also zwischen den Zeilen lesen

Autorinnen und Autoren schreiben selten „Sam war nervös“. Sie schreiben: „Sams Hände waren feucht, und er schaute ständig auf die Uhr.“ Schlussfolgern heißt, den Hinweis zu bemerken und mit dem eigenen Wissen zu verbinden.

Machen Sie die Formel sichtbar:

Hinweis im Text + was ich schon weiß = was ich glaube, was los ist.

Fangen Sie mit winzigen Sätzen und echten Gegenständen an, bevor Sie es mit ganzen Büchern versuchen.

„Ada zog die Kapuze hoch und machte einen Bogen um die Pfützen.“

„Wie ist das Wetter?“ (Es regnet.) „Woher weißt du das? Da steht doch nichts von Regen.“ (Kapuze, Pfützen.) „Und was weißt du, das dir geholfen hat?“ (Bei Regen setzt man die Kapuze auf.)

  • Regenschirm
  • Mantel
  • Wolke
  • Regen
Bildhinweise funktionieren genauso wie Hinweise im Text: Wie ist hier das Wetter?

Weitere Sätze zum Ausprobieren beim Frühstück, jeweils mit unausgesprochener Antwort:

  • „Leos Mama betrachtete die matschigen Fußspuren auf dem weißen Teppich und sagte lange nichts.“ (Sie ist sauer.)
  • „Die Kerzen brannten, und alle riefen: ‚Überraschung!‘“ (Eine Geburtstagsfeier.)
  • „In der Mathestunde knurrte Priyas Magen.“ (Sie hat Hunger, es ist bald Mittag.)

Bei älteren Kindern geht es um die Beweggründe von Figuren: „Warum hat sie die Medaille verschenkt, obwohl sie so hart dafür gearbeitet hat?“ Es kann mehr als eine gute Antwort geben, und das ist in Ordnung, solange ein Hinweis sie stützt.

Merken, wenn es keinen Sinn mehr ergibt

Starke Leserinnen und Leser merken, wenn sie den Faden verloren haben. Schwächere lesen fröhlich weiter, während die Bedeutung versickert. Bringen Sie ein paar Reparaturschritte bei:

Schritt für Schritt

  1. Anhalten„Moment, das habe ich nicht verstanden“ ist ein Satz, den man laut üben sollte.
  2. Noch einmal lesenEin oder zwei Sätze zurückgehen, nicht die ganze Seite.
  3. Ein Bild im Kopf machen„Kannst du es dir vorstellen? Was ist auf dem Bild in deinem Kopf?“
  4. Ein Wort prüfenDas Wort finden, das Probleme macht, und es aus dem Satz drumherum erschließen.
  5. WeiterlesenManchmal erklärt es der nächste Satz.

Machen Sie das beim Vorlesen selbst vor. „Moment, ich dachte, er ist in der Schule. Ich gehe noch mal zurück.“ Zu hören, wie ein Erwachsener durcheinanderkommt und das wieder ordnet, beruhigt Kinder erstaunlich.

Helfen, ohne das Lesen zur Prüfung zu machen

Hier gehen gute Absichten schief. Ein Kind, das weiß, dass jede Seite mit drei Fragen endet, fängt an, das Lesen zu fürchten. Ein paar Grundregeln:

  • Eine Strategie pro Woche. Diese Woche Vorhersagen, nächste Woche „Ich frage mich“-Fragen. Nicht alle vier auf einmal.
  • Von der eigenen Lektüre erzählen. „Ich lese gerade ein Buch, in dem die Hauptfigur ständig lügt, und ich komme nicht dahinter, warum.“ Kinder machen nach, was sie sehen.
  • Gespräch statt Verhör. „Ich fand die Stelle toll, wo sie sich im Boot versteckt. Was war deine Lieblingsstelle?“ lädt zum Antworten ein. „Worin hat sie sich versteckt?“ fragt nur ab.
  • Lieblingsbücher in Ruhe lassen. Beim vierzehnten Lesen eines Gute-Nacht-Klassikers einfach genießen.
  • Sich selbst fragen lassen. Geben Sie Ihrem Kind die Fragestarter und lassen Sie sich abfragen. Eine Antwort dürfen Sie absichtlich falsch geben.
  • Das Alleinlesen leicht halten. Strategien üben Sie beim gemeinsamen Lesen; das Lesen allein darf reines Vergnügen sein.

Wenn Sie Ihrem Kind auch vorlesen – was sich noch lange lohnt, nachdem es selbst lesen kann –, finden Sie in unserem Ratgeber zum Vorlesen am Abend mehr dazu, wie es entspannt bleibt.

Kurze Übungen zum Ausdrucken

Manchmal ist ein kurzer Text mit ein paar Fragen genau das Richtige: an einem ruhigen Nachmittag, für ein Kind, das etwas „zu tun“ haben möchte, oder um zu prüfen, ob eine Strategie sitzt. Unsere Arbeitsblätter zum Leseverständnis sind absichtlich kurz, mit einer Mischung aus Fragen „im Text“ und „zwischen den Zeilen“. Wählen Sie eines eine Stufe unter dem Leseniveau Ihres Kindes, damit der Fokus beim Denken bleibt.

Kurze Lesetexte mit Fragen zum Ausdrucken

Mehr in der Bibliothek

Für eine strukturierte Übungsreihe baut das Leseverständnis-Paket vom einfachen Nacherzählen bis zu Fragen zum Schlussfolgern auf, und unsere Sammlung zum Leseverständnis ordnet alles nach Alter.

Alter Schwerpunkt Probieren Sie
6–7 Nacherzählen, einfache Vorhersagen Nacherzählen mit fünf Fingern nach einem Bilderbuch
8–9 „Warum“-Fragen, erstes Schlussfolgern Hinweis + was ich weiß, mit Beispielen aus einem Satz
10–11 Zusammenfassen, Beweggründe von Figuren, Entscheidungen der Autorin oder des Autors „Warum beginnt das Kapitel genau hier?“

Fangen Sie diese Woche mit einer einzigen Sache an: Schauen Sie sich vor dem nächsten gemeinsamen Buch das Cover an, jede und jeder macht eine Vorhersage, und am Ende wird überprüft. Das ist alles. Die anderen Strategien können warten, bis sich diese natürlich anfühlt.

Häufige Fragen

Mein Kind liest flüssig, kann mir aber nicht sagen, was passiert ist. Stimmt etwas nicht?

Meistens nicht. Wörter lesen und Bedeutung aufbauen sind zwei verschiedene Fähigkeiten, und die zweite braucht eigene Übung. Wenn Ihr Kind auch Mühe hat, erzählten Geschichten oder mündlichen Anweisungen zu folgen, sprechen Sie mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer.

Wie viele Fragen sollte ich beim gemeinsamen Lesen stellen?

Weniger, als Sie denken. Ein oder zwei gute Fragen pro Kapitel oder eine am Ende eines Bilderbuchs reichen völlig. Mehr macht aus einer Geschichte einen Test.

Welche Lesefähigkeit ist für Kinder am schwierigsten?

Das Schlussfolgern sitzt meist als Letztes, weil Kinder dafür einen Hinweis im Text mit eigenem Wissen verbinden müssen. Es entwickelt sich zwischen etwa 7 und 11 Jahren stetig weiter, wenn viel darüber gesprochen wird.

Sollte mein Kind schwierigere Bücher lesen, um besser zu verstehen?

Noch nicht. Üben Sie die Strategien mit Büchern, die sich leicht anfühlen und in denen fast jedes Wort einfach ist. Dann fließt die ganze Anstrengung in die Bedeutung statt ins Entziffern.

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Crayonbird-Redaktion

Autorinnen, Illustratoren und Pädagogen

Wir sind das kleine Team, das die Aktivitäten von Crayonbird schreibt, zeichnet und testet. Wir probieren jede Idee mit unseren eigenen Arbeitsblättern aus, geben praktische und ehrliche Ratschläge – auch dazu, was nicht klappt – und verweisen auf offizielle Quellen, wo es darauf ankommt. Nichts in diesem Blog ist gesponsert.